Kurzgeschichte

[Kurzgeschichte] Zu Halloween eine neue Geschichte aus meiner Feder

Hallöchen, meine Lieben!
Zur Feier des Tages habe ich heute eine Kurzgeschichte mit Halloween-Setting für euch, ganz frisch aus meiner Feder … äh, Tastatur. Kurzum geht es darum:

Obwohl Lyn nur zu gerne mit ihrer besten Freundin auf eine Halloween-Party gehen würde, darf sie stattdessen ihre Geschwister auf die alljährliche Trick-or-Treat-Runde begleiten. Was sich am Anfang wie eine lästige Pflicht anfühlt, nimmt jedoch schnell eine interessante Wendung.

Was diese jedoch umfasst, das müsst ihr schon selbst nachlesen:

Trick or Treat

»Ich finde immer noch echt doof, dass du nicht mit auf die Party kommst!« Stella zieht einen Schmollmund, als würde der allein reichen, um mich zu überzeugen, sie trotzdem zu begleiten. Dass sie dabei fast der schwarze Lippenstift ihres Hexenkostüms dran glauben muss, ist ihr egal.

Ein Seufzen kommt mir über die noch nicht schwarz angemalten Lippen. »Du weißt, dass ich dich gerne begleiten würde, aber es geht nicht.«

»Aber du hast es versprochen, außerdem wird Lucas sicher auch dort sein. Ich habe aufgeschnappt, dass er als Dracula kommt. Hexe und Vampir passt doch super!«

Auf der Stelle fühle ich mich ein wenig mieser, weil ich auch gerne mit ihr zur Party kommen würde. Nicht nur, dass mir sicher wieder unendlich viele Insider-Witze entgehen werden und ich nicht mitreden kann, meine alternative Abendgestaltung ist auch nicht das Nonplusultra.

»Beschwer dich bei Moms Chef. Müsste sie nicht arbeiten, hätte sie Lisa und Louis auf die Trick-or-Treat-Runde begleitet. Ehe ich mir das ganze nächste Jahr bis Halloween anhören darf, was für eine doofe große Schwester ich bin, gehe ich jetzt mit ihnen. Vielleicht schaffe ich es danach noch zur Jonas‘ Party. Er wohnt ja nicht weit weg.«

Seelenruhig befestige ich die Fledermaus-Ohrringe und widme mich danach dem dunklen Make-up. Wenn ich schon nicht feiern gehen kann, will ich meine Geschwister trotzdem nicht unverkleidet begleiten. Vielleicht fallen ja auch ein paar Süßigkeiten für mich ab. Ein kleiner Trost.

»Lyn, du bist zu gut für diese Welt, weißt du das eigentlich?« Meine beste Freundin schüttelt den Kopf und schnappt sich den violetten Lippenstift aus meinem Kosmetiktäschchen. »Der ist ziemlich cool. Wo hast du den gekauft?«

»Versöhnungsgeschenk von Mom, als sie mir eröffnet hat, dass meine Pläne sich geändert haben. Gibst du ihn mir? Eine Hexe mit rosa Lippen? Geht gar nicht!«

Darüber sind wir uns schnell eilig und als ich wenig später mit blasserer Haut und dunkel geschminkten Augen vor dem Spiegel stehe, fühle ich mich tatsächlich ziemlich zauberhaft. Stella unterschreibt das so und verabschiedet sich, um mit einer gebührenden Verspätung auf der Party ihres Freundes aufzukreuzen.

Ich hingegen widme mich meinen jüngeren Geschwistern. Mit ihren goldblonden Haaren, die Mom ihr vor ihrer Schicht noch in einen Dutt gedreht hat, und dem Krönchen auf dem Kopf sieht Lisa, die heute auf Lady Lisa besteht, wie eine richtige Prinzessin aus. Das pinke Kleid sieht man unter ihrer dicken Jacke leider kaum.

Louis hat sich ein Kopftuch aufgesetzt und eine Augenklappe. Außerdem hat er sich einen Bartschatten mit dunklem Lidschatten gemalt. Auch bei ihm ist mir direkt klar, was er darstellt.

»Also gehen Hexe, Prinzessin und Pirat jetzt wohl auf Süßigkeitenjagd!«, beschließe ich mit mehr Euphorie, als ich sie tatsächlich empfinde und bekomme ein lautes »Jaaaaaa!« von beiden Seiten zurück.

Schnell sind die Kürbisförmigen Beutel verteilt und wir aus dem Haus. Kalter Wind weht mir durch das brünette Haar, was ich aus Gründen, die ich jetzt nicht mehr nachvollziehen kann, offengelassen habe und ich bin roh, zumindest eine Jacke eingepackt zuhaben.

Meine Geschwister stören die Temperaturen nicht. Fröhlich rennen sie eine Einfahrt nach der anderen hoch und wieder runter und mit jedem Klingeln wird der Süßigkeitenbeutel voller. Zumindest die beiden kleinen Racker haben ihren Spaß.

Als sie Mrs Roberts mit ihren Kostümen betören, ziehe ich mein Smartphone aus der Tasche und checke, ob Stella mir geschrieben hat. Da ich meine beste Freundin ziemlich gut kenne, wundert mich die ungelesene Nachricht nicht.

Bin jetzt da. Von Lucas keine Spur. Ich werde berichten. Willst du Bilder? Dann versuch ich unauffällig welche zu machen.

Mit einem Grinsen auf den Lippen tippe ich meine Antwort.

Nur wenn es dir keine Umstände macht. Amüsier dich gut.

Zurück kommt ein Emoji mit Detetivmütze, was mich zum Schmunzeln bringt, gefolgt von den drei Punkten, die symbolisieren, dass sie gerade eine weitere Nachricht schreibt.

Aber noch bevor ich diese lesen kann, tippt mir jemand auf die Schulter und lässt mich zusammenzucken. Beinahe fällt mir das Handy aus der Hand, doch in letzter Sekunde schließen sich meine Finger wieder darum.

Mein Herz pocht wie wild. »Sag mal, was soll da…«

Ich fahre herum und meine Stimme verschwindet im Nirvana, als ich direkt ins Gesicht von Dracula blicke, der mich anlächelt. Die aufgemalten spitzen Eckzähne verziehen sich dabei ein wenig, aber das ist gar nicht schlimm.

»Oh. Hey, Lucas.« Verlegen lasse ich den Blick senken und hoffe, dass die Unmengen an Make-up meine roten Wangen verbergen.

»Also habe ich mich doch nicht getäuscht. Lyn, tolles Kostüm.«

»Ähm … danke. Ich bin eigentlich nicht so schreckhaft, aber ich war etwas abgelenkt.« Dabei halte ich mein Handy hoch, bevor ich es wieder in der Jackentasche verschwinden lasse.

»Sieht man. Sind das deine Geschwister, die drei Häuser weiter den Briefkasten in Klopapier einwickeln?«

Lucas deutet auf eine Prinzessin und einen Piraten, die genau das tun. Beim Haus von Mrs Stephens, der Direktorin der Elementary School. Oh, verdammt!

»Lisa, Louis, was macht ihr denn da?«, rufe ich auf der Stelle und eile dorthin. Lucas folgt mir mit schnellen Schritten.

»Sie wollte uns nichts geben«, rechtfertigt Louis sich. »Deshalb spielen wir ihr einen Streich. Ist doch klar.«

»Ja, schon, aber ihr werdet wahnsinnig viel Ärger bekommen. Mrs Stephens versteht da keinen Spaß.« Es kostet mich danach noch einiges an Überredungskunst, aber letztendlich überzeuge ich sie, ihr Klopapier für den griesgrämigen Mr Sullivan aufzuheben. Damit geben sie sich zufrieden.

»Du hast deine Geschwister gut im Griff«, stellt Lucas fest und lacht leise neben mir, während die kleinen Racker schon das nächste Haus unsicher machen.

»Manchmal. Heute wohl nur, weil ich ihre letzte Rettung war. Unsere Eltern arbeiten. Ohne mich als Begleitung hätten sie nicht um die Häuser ziehen dürfen.«

»Also hast du schwesterlich deine Pläne aufgegeben, um mit deinen Geschwistern Süßigkeiten zu sammeln?«, fasst er zusammen und lese ich so etwas wie Respekt und Anerkennung aus seinem Blick? Oder bilde ich mir das nur ein?

»Ja, so in etwa. Und du? Wieso bist du nicht auf der Party?« Meine Stimme zittert nur ein bisschen in seiner Gegenwart. Nicht im Traum hätte ich damit gerechnet, heute noch mit ihm zu sprechen. Im Großen und Ganzen bin ich aber froh, dass ich meine Stimme überhaupt wiedergefunden habe.

»Ich war auf dem Weg dorthin, aber wenn du noch eine Begleitung brauchst, macht es auch nichts, wenn ich noch später komme«, schlägt er vor und während ein Teil von mir gerade in Ohnmacht fällt, kann ein anderer es schlicht und ergreifend nicht glauben. Ein dritter – blöderweise auch der, der mich dazu veranlasst, den Mund aufzumachen – findet das eine klasse Idee.

»Na, also ich weiß ja nicht, ob ich den beiden kleinen Rackern allein Einhalt gebieten kann …«

Lucas lacht daraufhin leise. »Dann muss ich dich wohl begleiten, keine Frage.«

Ein seliges Lächeln ist alles, was ich darauf erwidern kann. So nimmt der Abend doch noch eine ganz erfreuliche Wendung. Obwohl meine Geschwister leise tuscheln und sich fragen, wer der Kerl ist, der uns jetzt begleitet, lasse ich mich davon nicht aus der Ruhe bringen.

Während sie die Süßigkeiten abgreifen – und Mr Sullivans Garten mit Klopapier dekorieren – unterhalten wir uns. Zwar nur über Gott und die Welt, aber das ist bereits mehr, als ich mir erhofft habe.

Viel zu schnell sind die Kinder erschöpft und wir wieder auf dem Weg nach Hause. Lucas läuft immer noch gemächlich neben mir her.

»Wolltest du nicht noch auf die Party?«, erinnere ich ihn, da ich nicht das Gefühl habe, dass das auf seiner Prioritätenliste ziemlich weit oben steht, und tatsächlich zuckt er bloß mit den Schultern.

»Eigentlich wollte ich nur dorthin, weil mein Kumpel meinte, dass dieses eine Mädchen auch kommt«, eröffnet er mir und es kommt mir vor, als würde er mich zugleich in ein bodenloses Loch schupsen. Ich falle und falle und falle immer weiter ohne ein Ende in Sicht.

»Ach ja?« Meine Stimme ist nicht mehr als ein Wispern.

»Ja, aber ich glaube, sie kommt heute auch nicht mehr, also habe ich keinen Grund, dort aufzutauchen. Und was ist mit dir? Was sieht dein Abend jetzt noch vor?«

Sein abrupter Themenwechsel irritiert mich zwar, trotzdem ringe ich mich zu einer Antwort durch. »Halloweenfilme auf Netflix, sobald die Kinder im Bett sind. Du weißt schon, Stimmung und so.«

»Hört sich nach einem guten Plan an. Kann ich dir dabei Gesellschaft leisten?«, will er wissen und schenkt mir dabei ein umwerfendes Lächeln, nach dem ich zwar keine Worte, aber zumindest noch ein Nicken zustande bekomme.

Noch nie habe ich mich so ins Zeug gelegt, meine Geschwister schnell ins Bett zu bringen – was die natürlich gar nicht toll finden, schließlich müssen sie noch zählen, wer mehr Süßigkeiten gesammelt hat – aber letztendlich lasse ich mich erschöpft aufs Sofa fallen, in meinem Schoß die Schüssel Süßigkeiten, die wir eigentlich verteilt hätten, wäre jemand zu Hause gewesen.

»Hier, bedien dich!«, bitte ich Lucas, der sich neben mir niederlässt und sich direkt einen Bonbon nimmt. »Es war ja keiner hier, der Süßigkeiten hätte verteilen können. Daher bleibt nun mehr von uns und ich bin verdammt froh, dass unser Vorgarten immer noch klopapierlos ist.«

»Und wenn jetzt noch jemand kommt, sind wir ja da«, bestätigt er. »Also, welchen Film willst du sehen?«

»Such du aus. Aber bitte nichts mit Horror, sonst kann ich die ganze Nacht nicht schlafen.«

»Aber es ist Halloween«, beharrt er ungläubig. »Das muss gruselig sein!«

»Gar nicht. Es gibt genügend Halloween-Filme, die kind- oder eben Lyn-gerecht sind«, setze ich ihm entgegen. »Halloween Town zum Beispiel.«

»Das ist aber doch ein Kinderfilm.«

»Eben drum.«

»Also ich brauche etwas Gruseliges.«

»Dann … schauen wir doch einfach zwei Filme und wenn ich danach nicht schlafen kann, gebe ich dir die Schuld daran«, beschließe ich, ein Deal, mit dem auch Lucas einverstanden ist.

In etwa bei der Hälfte seiner Filmauswahl – ein ziemlich trashiger Horrorfilm, dessen Titel ich direkt wieder verdrängt habe – bin ich mir aber nicht mehr so sicher. Gerade als ein Kettensägen-Axtmörder die knarzende Holztür der Waldhütte öffnet, in der drei Freundinnen gerade zusammen Filme schauen, schrecke ich so dermaßen zusammen, dass ich beinahe die Süßigkeitenschüssel umwerfe. Die stelle ich danach lieber am Tisch ab.

Noch nie in meinem ganzen Leben hat mein Herz vor Angst so schnell geschlagen, ich zittere am ganzen Körper und werde diese Bilder nicht so schnell aus meinem Kopf bekommen. In einem unüberlegten Moment bekomme ich Lucas‘ Dracula-Umhang, der halb neben ihm liegt, zu fassen und ziehe ihn mit einem Ruck an mich heran, um mein Gesicht darin zu verbergen.

Sogleich steigt mir sein angenehmer Duft in die Nase und beruhigt mich tatsächlich. Dazu kommen sein leises Lachen und ein Arm, der sich auf meinen Rücken legt.

»Jetzt versteh ich, was du meintet.«

»Das werde ich dir niemals verzeihen!«, nuschele ich in seinen Umhang hinein und lasse zu, dass er mich näher an sich zieht. Auf einmal legt er seine Arme um meinen Oberkörper, während der Film gleichzeitig pausiert. Zumindest höre ich nicht mehr die furchteinflößenden Schreie der Frauen, als sie den Kettensägen-Axtmörder bemerken.

»Okay, was kann ich tun, um dich auf andere Gedanken zu bringen?«, fragt er mit offenbar ernsthaftem Interesse und streicht dabei mit seinen Fingern über den dünnen Stoff des schwarzen Kleides meines Kostüms. Dort, wo er mich berührt, erzittere ich und mir liegen die passenden Worte auf der Zunge. Am liebsten würde ich ihm sagen, dass er bereits einen guten Job macht, aber ich bleibe stumm.

»Entschuldige. Ich dachte echt nicht, dass dir Horrorfilme wirklich so viel Angst machen.«

»Schon okay«, bringe ich schließlich hervor. »Es geht schon wider, aber wenn du mich weiter so berührst, werde ich gleich zum Kettensägen-Axtmörder.« Das war eigentlich als Spaß gemeint, aber Lucas löst sich auf der Stelle von mir und bringt direkt noch ein wenig Abstand zwischen uns. Verständnislos blicke ich ihn an. Ohne seine Nähe wird mir gerade schrecklich kalt.

»Tut mir leid. Ich dachte nur …« Verlegen senkt er den Blick und ich wage auf seinen Wangen eine zarte Röte zu erkennen, die da vorher noch nicht gewesen ist.

»Okay, das ist nicht wirklich besser«, murmle ich und überbrücke die Distanz auf ein Neues. »Du musst wissen, ich bin in etwa so romantisch wie dieser Film.« Dabei deute ich auf den Fernseher. »Und du wirst nie wieder etwas aus meinem Mund hören, dass näher an ›Küss mich!‹ kommt, als das.«

Im nächsten Moment verfluche ich mich dafür, dass ich nicht nachgedacht habe. Lucas schaut mich mit geweiteten Augen an, die Lippen zu einer stummen Frage geöffnet, das Erstaunen kann ich deutlich in seinem Blick lesen.

Wieso war ich auch so bescheuert? Diesen schmalen Grad zwischen »Ja nicht zu offensichtlich« und »Schlag mit dem Zaunpfahl ins Gesicht« habe ich noch nie gut balancieren können, aber das ist wohl die Krönung.

»Ich … ähm … sollte vermutlich in Zukunft einfach meinen Mund halten. Dann kommen nicht mehr so viele dumme Sachen rau…«

Aber bevor ich meinen Satz beenden kann, verschließt er meine Lippen mit seinen und alles andere wird unwichtig. Immer noch schlägt mein Herz wie wild, aber dieses Mal ist der Grund ein anderer. Ich schließe meine Augen, schlinge gleichzeitig meine Arme um seinen Hals, verschränke die Hände im Nacken und lehne mich in den Kuss hinein.

Er schmeckt nach Erdbeere, Kirsche und Zitrone, nach Bonbons und Schokolade, nach allem, was ich mir gewünscht habe, und noch nach so viel mehr.

Es ist unser erster Kuss, doch sicherlich nicht der letzte, den wir an diesem Abend miteinander teilen. Im Hintergrund läuft der Horrorfilm weiter, aber jetzt macht er mir keine Angst mehr.


Ich hoffe, ihr hattet Spaß bei meiner etwas romantischeren Kurzgeschichte! Weitere Halloween-Storys findet ihr übrigens bei den folgenden Autoren.

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