Kurzgeschichte

[Kurzgeschichte] Die Regentänzerin

Für eine Blog-Aktion von Aretis und Yunikas Bücherwelt durfte ich vor einiger Zeit eine Kurzgeschichte schreiben. Der Clou dahinter: Ich habe von Yunika fünf Sätze bekommen, an denen ich anknüpfen sollte. Das Ergebnis könnt ihr im Folgenden lesen.


Als ich einen Blick aus dem Fenster werfe, regnet es. Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie fasziniert der Regen mich. Ich verstehe nicht, wieso die Menschen sich davor fürchten. Ich lächle, stehe auf und nehme mir vor, heute durch den Regen zu laufen. Heute werde ich der Welt beweisen, dass er einem absolut nicht wehtut.

Ich weiß nicht, wie lange die Menschheit bereits an diesem Irrglauben festhält. Seit vielen Generationen muss es schon so sein, denn diese Angst hat sich über Jahrzehnte festigen müssen, um heute solche massiven Folgen nach sich zu ziehen.

Selbst meine Eltern fürchten den Regen, alle tun das. Nur ich nicht.

Ich habe keine Angst.

Früher hatte ich sie, doch dann ist etwas passiert. Etwas, was meine Welt verändert hat, obwohl es doch eigentlich nur eine Kleinigkeit gewesen ist.

Als Kind habe ich meine allerliebste Puppe auf dem Spielplatz vergessen und obwohl der Regen bereits angekündigt war, bin ich ohne meinen Spezialregenschirm und ohne meine Schutzkleidung noch einmal losgezogen.

Ich habe gedacht, ich wäre schnell genug, um vor dem Regen wieder zu Hause zu sein, aber ich habe mich getäuscht. Auf halben Weg wieder nach Hause hat er mich schließlich eingeholt. Die ersten Tropfen sind vom Himmel gefallen und haben mich an den Armen und Beinen getroffen.

Doch der Schmerz, den ich erwartet habe, der Schmerz, von dem man mir erzählt hat, um mir Angst zu machen, der ist ausgeblieben. Erst war ich verwundert, doch nach einigen Minuten habe ich verstanden: Es ist eine Lüge. Wer auch immer den Menschen eingebläut hat, Regen wäre schmerzhaft und gefährlich für den menschlichen Körper, hat gelogen. Die Gründe dafür habe ich bis heute, also in den letzten zehn Jahren, nicht in Erfahrung bringen können und überhaupt, wer hätte mir geglaubt?

Die Menschen haben Angst. So große Angst, dass meine Eltern mich jedes Mal, wenn ich versucht habe, es ihnen zu beweisen, in mein Zimmer gesperrt und wochenlang Hausarrest ausgesprochen haben.

Aber nicht heute.

Heute werde ich nach draußen gehen. Ich werde mich im Regen auf die Straße stellen und aller Welt beweisen, wie falsch sie all die Jahre gelegen haben.

Jetzt ist der beste Zeitpunkt dafür.

Ich verlasse mein Zimmer, gehe die alte Holztreppe nach unten, darauf bedacht, nicht die knarrenden Stufen zu erwischen und laufe durch den Flur.

Adrenalin schießt durch meine Adern, ich zittere, bin nervös. Mein Herz schlägt wie wild und doch werde ich es wagen.

Ich werde durch den Regen laufen, nein, besser noch: Ich werde durch den Regen tanzen, wie ich es mir als kleines Mädchen nach diesem Ereignis oft erträumt habe. Und es wird wunderbar sein.

Die Haustür rückt in mein Blickfeld und die Stimme meiner Mutter aus der Küche in den Hintergrund. Meine Finger berühren den Türknauf, doch ich zögere.

Was, wenn ich beim letzten Mal nur Glück gehabt habe?

Was, wenn der Regen mich verletzen wird?

Was, wenn das hier ein großer Fehler ist?

Unzählige Fragen schießen durch meinen Kopf, doch ich schiebe sie zur Seite, kratze meinen Mut zusammen und öffne die Tür. Sofort steigt mir der frische Duft des Regens in die Nase. Wie sehr liebe ich diesen Duft.

Tief atme ich ein, dann setze ich einen Fuß vor den anderen. Im Hintergrund höre ich meine Mutter einen markerschütternden Schrei ausstoßen und zucke zusammen, aber ich kehre nicht um.

Nein, nicht so kurz vorm Ziel.

Ich gehe einen weiteren Schritt, spüre den feuchten Boden unter meinen nackten Füßen und lächle. Kein Schmerz. Furchtlos gehe ich weiter und die ersten Regentropfen treffen auf meinen Kopf, meine Kleidung, Arme und Beine. Es dauert nicht lang, da ist das weiße Sommerkleid, was ich trage, vollkommen durchnässt, aber ich kann nicht anders als einen Freudenschrei auszustoßen.

Ich habe es getan.

Ich stehe im Regen. Ich laufe, renne, drehe mich im Kreis und vor allem: ich tanze. Meine nasse Mähne klebt an meinem Gesicht, einzelne, dickere Strähnen fliegen bei meinem Tanz hin und her, doch sie stören mich nicht.

Noch nie hat mein Herz so wild geschlagen, ist noch nie von einer solchen Euphorie mitgerissen worden. Ein großartiges Gefühl!

Ich tanze weiter bis mir die Puste ausgeht und der Himmel sich langsam aufklärt, dann erst halte ich inne, werfe meiner Mutter, die ungläubig im Türrahmen steht, ein Lächeln zu. Und nicht nur ihr.

In der ganzen Nachbarschaft haben sich die Menschen an Fenstern und Türen versammelt. Sie sehen mich an, die Augen weit und voller Unglaube und doch können sie es nicht nicht glauben, denn hier stehe ich. Unversehrt und glücklich.

Sie müssen es glauben!

Und dann geschieht es.

Ein kleines Mädchen drängt sich zwischen ihren Eltern, die im Türrahmen stehen, hindurch und rennt furchtlos, dafür aber umso lauter jubelnd durch den Regen.

Andere Kinder folgen und dann trauen sich auch die ersten Erwachsenen aus ihren Häuser, bis wir schließlich alle gemeinsam durch den Regen tanzen und der Welt beweisen, dass wir keine Angst mehr haben und nie wieder haben werden.

Das ist der Beginn einer neuen Zeit.

ENDE

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